Thread Thread zum Heulen (129 answers)
Opened by pq at 2012-02-05 17:37

payx
 2015-01-12 10:04
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2015-01-09T11:31:49 bianca
Ich bin der Meinung, dass zu einer intelligenten Zivilisation auch soviel Verständnis gehört, dass man sich über andere Lebensweisen, Religionen und Kulturen nicht lustig macht.

Da stimme ich zu: Gegenseitiger Respekt ist die allerwichtigste Säule für das Zusammenleben in der Gesellschaft. (Gegenseitig verstehen oder gar mögen müssen sich nicht unbedingt alle.)

Bei dem, was hierzulande als "Islamkritik" läuft, und damit meine ich nicht nur tumbes Pegida-Geschrei, sondern durchaus auch das Feuilleton, habe auch ich oft Unbehagen. Nicht weil man Religionen nicht kritisieren dürfte, sondern erstens weil diese Kritik meistens furchtbar oberflächlich und ignorant ist. (Schließlich mögen wir es auch nicht, wenn Kollegen mit einem Wissenstand auf dem Niveau von Perl 1 über Perl wettern.) Gerade hat eine Studie gezeigt: Wissen über Koran baut Islam-Angst ab. Und zweitens, weil sie meist unsachlich und im Grunde offensichtlich bloß fremdenfeindlich und/oder rassistisch ist (tatsächlich spielen Religion und Glaubensfragen in der ganzen Debatte doch kaum eine Rolle) und weil sie somit menschenverachtend und inhuman ist und es eben am notwendigen Respekt für die Mitmenschen fehlen lässt. (Man lese stattdessen mal wieder Gotthold Ephraim Lessing: Nathan der Weise.)

NB: Wer irgendwo gehört hat, dass auf islamistische Terroristen im Paradies soundsoviele Jungfrauen warten, hat damit den Islam noch nicht in seiner ganzen geistigen und geistlichen Breite und Tiefe durchdrungen; auch nicht beinah. Gleiches gilt für Burkas, Steinigungen usw.

Das Diktum, dass Satire alles darf, erinnert aber daran, dass für diese Kunstform andere Regeln gelten als für nicht-satirische Ausdrucksformen. Ich habe zwar noch keine Mohammed-Karikatur gesehen, die ich besonders lustig oder treffend gefunden hätte, aber es steht völlig außer Frage, dass man solche Zeichnungen machen darf. Satire darf und muss auch mal respektlos sein. Ein guter Satiriker/eine gute Satirikerin wird dabei nicht immer in dieselbe Richtung zielen, sondern mal den einen, mal die andere auf's Korn nehmen, und genau das haben auch die Charlie Hebdo-Leute meines Wissens immer wieder getan. Eine Satire, die jeder nett findet, ist ja keine Satire, sondern ein harmloser Scherz. (Nichts gegen harmlose Scherze.)

Ich bin sicher, dass diejenigen Moslems, die mit dem Gefühl leben, ein anerkannter, respektierter, vollwertiger Teil der Gesellschaft zu sein, sich über ein paar Karikaturen nicht weiter aufregen werden. Das Problem sind also nicht die Karikaturen, sondern es ist viel größer: Es betrifft die Qualität unseres Zusammenlebens.

Die Erkenntnis, dass die von den diversen -gidas vorgegebene Marschrichtung für dieses Zusammenleben exakt die falsche ist, scheint gerade zu einem breiten Konsens zu werden. Das finde ich immerhin erfreulich.

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